Am 23. April fand beim Deutschen Institut für Erwachsenenbildung in Bonn das 1. OER-Fachexperten-Meetup statt. Es dient der Vernetzung von Menschen und Themen, die im Rahmen der Ausbildung zum OER-Fachexpert/in entstanden sind.
Für mich spannend war die Session zu Open Educational Practice (OEP), die ich hier dokumentiere.
Blog
-

1. OER-Fachexperten-Meetup
-

Die Zukunft von MOOCs
so lautete der Titel meines Vortrags, den ich vor drei Wochen an der SRH Hochschule in Heidelberg zum Besten gab. Anlass war die eLaw Konferenz 2017. Es ging dabei um die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Lernen und Lehren allgemein und im Besonderen im Hinblick auf die Rechtswissenschaft.
Zwei Dinge sind für mich besonders bemerkenswert gewesen:
Es war der erste Vortrag seit vielen Jahren in meiner Heimat. (Ich komme aus einer kleinen Stadt ca. 10km von Heidelberg entfernt).
Es war der erste Vortrag überhaupt, für den ein Graphic Recording angefertigt wurde. Mein besonderer Dank geht daher an Sandra Schulze.

Illustration Sanda Schulze -

Das Ende der Leichtigkeit – Rückblick auf das #OERde17 Festival
Am Mittwoch ging ein weiteres OERde Festival zu Ende und mein Gefühl ist ambivalent. Bevor ich darauf näher eingehe, möchte ich auf folgende Punkte hinweisen:
- Ich war Mitglied im Programmkommitttee, eingebunden in einen längeren Vorbereitungs- und Abstimmungsprozess und dadurch auch mitverantwortlich für das Endprodukt.
- Ich arbeite an der FH Lübeck, die mit ihrer Tochter oncampus maßgeblich dazu beigetragen hat, dass es wieder ein OERde Festival gab.
Was ich nun schreibe, soll unabhängig von 1. und 2. sein.
Ich bin seit vielen Jahren in der deutschen OER-Community aktiv und habe es immer sehr genossen, mit spannenden Menschen über freie und offen Bildung zu diskutieren. Es war und ist eine einzigartige Konstellation, die weit über das hinausging, was ich aus klassischen Fachcommunities – in meinem Fall Bildungswissenschaft – kenne. Genau aus diesem Grund zog ich die OER-Veranstaltungen den Fachtagungen vor und war in meiner Disziplin nicht mehr so präsent.
Es war auch die besondere Art der Veranstaltung, die für einen Geist der Leichtigkeit sorgte. Man konnte mit viel Spass und Enthusiasmus über das eigentlich so ernste Thema Bildung diskutieren. Die Vielfalt der Formate sorgte nicht nur bei mir für eine hohe Motivation und auch für eine positive Außenwirkung. Man hatte es geschafft, wahrgenommen zu werden. Das sieht man z.B. am Label „Fachforum“, das für Seriosität steht.
2017 ist für mich die Leichtigkeit etwas verloren gegangen. Das Programm fühlte sich für mich zu vollgestopft an und dadurch entstand ein Druck, den ich vorher nicht hatte. Ich wollte mich wie zuvor zu alten und neuen Themen, etwa Forschung zu OER, einbringen. Dazu kamen weitere Verpflichtungen, die zum Teil in Verbindung mit laufenden OER-Projekten (BMBF-Förderung) standen. Diese waren für mich auch wichtig. Auch bei neuen Formaten, wie Virtually Connecting wollte ich dabei sein und habe das dann auch genossen.
Nun könnte man leicht einwerfen, dass ich mich übernommen hatte und so in einen selbstproduzierten Druck geraten bin. Das möchte ich gar nicht bestreiten, es ist aber gar nicht der Punkt für mich. Mir geht es um die Frage, ob wir uns in der OER-Community wirklich einen Gefallen mit einer überfrachteten Veranstaltung tun, bei der es sieben parallele Tracks gibt? Ist das dann überhaupt noch ein Forum? Oder ist es die natürliche Konsequenz, die das Ende der OER-Pubertät und den Beginn der Adoleszenz darstellt?
Ich glaube, es ist Zeit, sich über diese und andere Fragen zu verständigen. Welche Art von OER-Veranstaltungen wollen wir? Braucht es noch spezifische OER-(Fach-)Tagungen? Wenn ja, wie oft sollten diese stattfinden? Wenn nein, welche anderen Open-Konferenzen wäre denkbar, um die uns wichtigen Themen behandeln zu können?
Es gab dazu positive Signale, etwa in der von Ingo Blees und mir veranstalteten Session „OER Forschung nun endlich auch in Deutschland?!“ und im Nachgang zeigte mir die Diskussion, dass es sich lohnt hier mit Interessierten weiterzudenken. Darauf freue ich mich.
-

Pflichterfüllung
So könnte man in einem Wort die Tagung „Universität 4.0“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) zusammenfassen, die gerade in Berlin zu Ende ging. Angetreten ist man, um die Folgen der Digitalisierung für akademische Lehre und Forschung in den Blick zu nehmen. Dafür hatten wir zwei halbe Tage Zeit.
Entsprechend kurz (15 Minuten) viel dann auch die Eröffnung aus. Ich war gespannt, wie das Buzzword „Universität 4.0“ erläutert würde. Leider wurde hier statt einer bildungswissenschaftlichen Rahmung bzw. Einschätzung einfach die Lesart der Bundesregierung wiedergegeben. Diese affirmative Haltung, ließ schon erahnen, wie der Umgang der DGfE mit der Digitalisierung auf dieser Tagung sein sollte.
Nach der Eröffnung ging es dann in 4 parallele Vortragstracks, die so illustrere Bezeichnungen hatten wie „Innovation und Kreativität durch neue Medien?“. Es war ein bunter Strauß an Themen, was einerseits die Komplexität der Digitalisierung widerspiegelt, andererseits aber auch aufzeigt, dass es (noch) an bildungswissenschaftlichen Kriterien zur Einordnung fehlt. Genau das sollte aber die Tagung leisten, wie – fast forward – in den Schlussworten betont wurde. Es sollte keine medienpädagogische Veranstaltung sein, sondern eine, die an verschiedene erziehungswissenschaftliche Diskurse anschließt. Erkennbar war dies für mich nicht, sondern es waren technische Themen (Learning Analytics, Gamification) oder solche, von denen die Organisatoren dachten, sie wären relevant („Abschied von der Buchkultur“).
Was dagegen fehlte, war eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit der Digitalisierung. Es blitzte zum Beispiel beim Streitgespräch durch, als angemerkt wurde, man solle die Frage – Was bedeutet die Digitalisierung für Hochschulen? – umdrehen in die Frage – Was kann die Bildungswissenschaft für die Digitalisierung beitragen? Damit findet eine Beweislastumkehr statt, bei der den Hochschulen der Veränderungsdruck genommen wird, der durch politische und ökonomische Interessen aufgebaut ist.
Eine eigene Position der DGfE zur Digitalisierung kam so nicht heraus und ist anscheinend auch nicht geplant. Was bleibt ist die Hoffnung, dass uns digitale Medien nicht völlig um den Verstand bringen.Jetzt hat Twitter mein Hirn doch perforiert: bin beim Lesen der #uni4-Tweets mit der Tram ne Haltestelle zu weit gefahren. 😕
— Cornelia Kenneweg (@c_kenneweg) November 3, 2017
Eine Aufzeichnung meines Vortrags gibt es hier.
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=56acNBVRusA] -

Zu Gast beim HUL-Forschungskolloquium
Am Freitag folgte ich der Einladung von Gabi Reinmann zum Besuch im HUL-Forschungskolloquium nach Hamburg. Hintergrund war meine Antrittsvorlesung an der FernUniversität in Hagen, über die ich schon hier geschrieben habe. Mit Gabi haben wir verabredet, dass ich den Vortrag kein zweites Mal halten werde, sondern dass wir die Kenntnis „voraussetzen“ (dafür gab es ja das Video und das Manuskript).
Wir hatten im Nachgang auch verabredet, dass wir darüber bloggen und die Debatte dadurch weiterführen. Gabi hat dazu gestern schon vorgelegt. Ich lege hiermit nach, werde mich aber nicht an Gabis Post abarbeiten, sondern zunächst meine Sicht darlegen. Im nächsten Schritt könnten wir dann daran gehen, die Posts (es kommen hoffentlich noch welche von anderen Teilnehmenden) zu synthetisieren.
Beginnen wir mit folgender These, die ich zum Input und Start der Diskussion formulierte: Ohne ein fundiertes Bildungsverständnis und einen reflektierten Bildungsbegriff lässt sich „digitale Bildung“ nicht verstehen. Umgekehrt bleibt ein Bildungsbegriff, der nicht auf die Signaturen der Digitalität eingeht, defizitär.
Bei den Signaturen beziehe ich mich auf Felix Stalder, der in seinem Buch „Kultur der Digitalität“ von Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität spricht. Kurz habe ich auch noch auf Jean Baudrillard verwiesen, der in seiner Medientheorie drei Ordnungen von Simulakren (ein System von Zeichen, die in einem bestimmten, abstrakten Verhältnis zur Welt stehen) unterscheidet: Imitation, Produktion und Simulation.
In den folgenden 2,5h debattierten wir damit in Verbindung stehende Aspekte, die ich nur auschnittsweise, so wie ich sie verstanden habe, darstellen und erläutern kann. Gespannt bin ich darum auf andere Perspektive, Widersprüche, Ergänzungen etc., die in den Kommentaren oder in anderen Posts entstehen.
Es gibt ein Spannungsfeld zwischen der Digitalisierung (verstanden als gesellschaftliche Tranformation bzw. Reorganisation grundlegender Strukturbedingungen vor dem Hintergrund des zunehmenden Einsatzes und der Integration digitaler Technologien und deren Verschmelzen zu Großprojekten wie „Arbeit 4.0“) und den grundlegenden Prinzipien von Bildung, die mit Autonomie, Selbstbestimmung und Emanzipation umrissen werden können. Digitalisierung, so wie es aktuell diskutiert wird, d.h. als sozio-technologisches „Mega-Projekt“ wird von einer kleinen Gruppe von Akteur/innen bestimmt, die meist in einer bestimmten Region in Kalifornien sitzen. Die so verbreitete Kalifornische Ideologie (siehe dazu meinen Vortrag zu „Bildung 4.0“) ist so mächtig, dass wir uns in die Rolle von dankbaren Empfänger/innen der neuesten technologischen Entwicklungen drängen lassen. Wir sind dann mehr Kunden oder „User“ als selbstbestimmte Individuen. Das war auch einmal anders, ist aber heute in Vergessenheit geraten. Das Web war ursprünglich als offene Infrastruktur konzipiert, die einer cyberutopistischen Philosophie folgte, bevor es zum kommerzialisierten Netz wurde, das durch Likes, Shares und Followers bestimmt ist.
Was hier außerdem fehlt ist eine fundamentale Kategorie von Bildung: Reflexion. Innehalten und nachdenken, was da gerade passiert. Das Nachdenken kann durch ein fundiertes Bildungsverständnis befördert werden, wo es z.B. auch um anthropologische und ethische Fragen geht: Was ist der Mensch in der Digitalität und was macht die Digitalisierung mit unserer Gesellschaft? Bildung(stheorie) kann uns dabei helfen, darauf Antworten zu finden. Moderne Bildungstheorien (Marotzki, Koller) gehen auch von gesellschaftlichen Transformationsprozessen aus, die durch Unsicherheit und Kontingenz charakterisiert sind. Bildung wird darauf hin verstanden als produktiver Umgang mit diesen Unsicherheiten. Dies ist ein lebenslanger Prozess (nicht zu verwechseln mit dem Imperativ des „lebenslangen Lernens“). Bei beiden Ansätzen spielt die Digitalisierung allerdings keine Rolle, da sie vor mehr als einem Jahrzehnt entwickelt wurden. Die Bildungstheorie hat hier also noch Nachholbedarf.
Was es dazu braucht ist ein tieferes Verständnis von Digitalisierung, das jenseits von Erlösungs- und Untergangsphantasmen liegt. Die Lernbereitschaft der Bildungswissenschaft ist durchaus gegeben, so wie durch die Tagung „Universität 4.0“ nächste Woche angezeigt. Ich denke es ist mittlerweile Zeit für bildungstheoretische Reflexionen über Digitalisierung. Das Kolloquium ermutigte mich daran weiter mitzuarbeiten.


