Kategorie: Bildung

  • Mitgezeichnet: Stellungnahme zur “Digitalen Agenda 2014-2017″

    Heute hat das Bundeskabinett die „Digitale Agenda“ auf einer Pressekonferenz vorgestellt.  Inhaltlich geht es vor allem um technische Infrastruktur („Breitbandausbau“) und wirtschaftliche Aspekte („Industrie 4.0). Unter Punkt 5 findet sich dann „Bildung, Forschung, Wissenschaft, Kultur und Medien“, was jedoch eher mager ausgeführt ist.
    Das Bündnis Freie Bildung hat das zum Anlass genommen, eine eigene Stellungsnahme zu veröffentlichen. Diese habe ich mitgezeichnet und gebe den Inhalt hier nochmals wider.


     
     
    Stellungnahme des Bündnis Freie Bildung zur heute vorgestellten „Digitalen Agenda“ von CDU/CSU und SPD
    Sehr geehrte Damen und Herren,
    das Bündnis Freie Bildung (BFB), eine Vereinigung von Organisationen und Personen, die die Idee freier und offener Lehr- und Lernmaterialien (Open Educational Resources oder OER) in Gesellschaft und Politik fördert, begrüßt grundsätzlich die Ziele und programmatischen Äußerungen der Bundesregierung in der heute vorgelegten „Digitalen Agenda“. Das Bündnis schließt sich der Auffassung der Bundesregierung an, dass Wissenschaft, Bildung und Forschung eine herausgehobene Rolle zukommt, da viele digitale Innovationen in diesen Bereichen entwickelt und/oder zuerst eingesetzt werden.
    Beim Übergang in die Wissensgesellschaft steht Deutschland vor der Herausforderung einer alternden Gesellschaft und eines eklatanten Fachkräftemangels. Bei gleichzeitig sinkenden finanziellen Mitteln müssen Bildungsressourcen effizienter und gerechter eingesetzt werden. Open Educational Resources sind Lehr- und Lernmaterialien, die – wie die Wikipedia – offen zugänglich sind sowie von allen bearbeitet, weiterentwickelt und weitergegeben werden dürfen. OER bedeuten Zugang zu Wissen und Beteiligung durch alle und führen damit zu mehr Chancengerechtigkeit. OER ist ein Mittel zu effizienterer und demokratischerer Bildung. Unter anderem teilen die UNESCO, die EU Kommission sowie die OECD diese Forderungen.
    Leider stellen wir fest, dass die Agenda bisher den Themenbereich der freien und offenen (digitalen) Lehr- und Lernmaterialien gänzlich auslässt. Wir bedauern sehr, dass im Gegensatz zum Koalitionsvertrag das Thema Schulbücher und andere Lehr- und Lernmaterialen unter der Verwendung freier Lizenzen und Formatein der “Digitalen Agenda” keine Berücksichtigung mehr findet. Die unklare Ankündigung, “die Potenziale für Wissenschaft, Forschung und Bildung voll zu nutzen und dafür die urheberrechtlich zulässige Nutzung von geschützten Inhalten zu diesen Zwecken zu verbessern”, reicht hier bei weitem nicht aus. Im Koalitionsvertrag hatte sich die Bundesregierung noch deutlich zu offenen Lehr- und Lernmaterialien bekannt: “Die digitale Lehrmittelfreiheit muss gemeinsam mit den Ländern gestärkt werden. (…) Schulbücher und Lehrmaterial auch an Hochschulen sollen, soweit möglich, frei zugänglich sein, die Verwendung freier Lizenzen und Formate ausgebaut werden.”
    Die Bundesregierung macht an vielen Stellen deutlich, dass die Digitale Agenda nicht der Abschluss, sondern der Beginn der Konkretisierung von Maßnahmenpaketen ist. Daher bitten wir um die zukünftige Berücksichtigung dieses Themenbereichs. Wir möchten auch dafür werben, dass sich die Bundesregierung im Rahmen ihrer Digitalpolitik weiterhin klar für freie und offene Lizenzen in der Bildung und Lehre einsetzt.
    Wir verweisen in diesem Zusammenhang exemplarisch auf die folgenden Dokumente und Handlungsempfehlungen:

    Bei Anmerkungen oder Rückfragen sowie für den weiteren Austausch, stehen wir Ihnen sehr gerne zur Verfügung.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Vertreter des Bündnis Freie Bildung
    Christian Heise, Open Knowledge Foundation Deutschland e.V | Centre for Digital Cultures
    André J. Spang, Kaiserin Augusta Schule | SchulWiki Köln
    Dr. Sandra Schön, BIMS e.V. | Salzburg Research Forschungsgesellschaft
    Jan Neumann, Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein-Westfalen
    Simon Köhl, Gesellschaft für freie Bildung e. V.
    Kristin Narr, Internet & Gesellschaft Collaboratory e.V.
    Dr. Markus Deimann, FernUniversität in Hagen
    Sebastian Horndasch, Wikimedia Deutschland e.V.
    Jöran Muuß-Merholz, open-educational-resources.de – Transferstelle für OER
    Sebastian Seitz, Technologiestiftung Berlin
    Felix Schaumburg
    Ole Wintermann
    Monika Fischer
     

  • Rezension zu "Bildung statt Bologna!"

    Der Erziehungswissenschaftler und Präsident der Universität Hamburg Dieter Lenzen legt mit der gerade veröffentlichten Streitschrift „Bildung statt Bologna!“ einen „notwendigen, längst überfälligen Beitrag zur Bildungsdebatte in Deutschland“ (Klappentext) vor. In einem alarmistischen Duktus wird die Ausgangslage wie folgt beschrieben:

    Die europäische Hochschulreform ist in Deutschland katastrophal gescheitert. Studenten hetzen von Prüfung zu Prüfung, erwerben Schmalspurwissen und sind menschlich unvorbereitet, wenn sie auf den Arbeitsmarkt kommen. (Klappentext)

    In drei Kapiteln (Bologna: Vom Scheitern einer Reform, Was ist Bildung? Die Zukunft universitärer Bildung) soll eine „Besinnung über die besinnungslose Umsetzung eines europäischen Reformgedankens an den deutschsprachigen Universitäten“ (S.7) erreicht werden, die helfen soll, das Ziel „allgemeine Persönlichkeitsbildung und Menschenbildung durch Wissenschaft wieder einen gleichrangigen Stellenwert neben der Ausbildung für ein berufliches Leben einzuräumen“ (ebenda).
    Im Vorwort findet sich dann eine Art Selbstvergewisserung: „Dieser Essay soll nicht die x-te Bologna Schelte sein“ (S.7), die wohl zum Lesen motivieren soll, gleichzeitig aber hohe Erwartungen weckt.
    Im ersten Kapitel wird nochmals der Entstehungs- und Entwicklungsprozess der Bologna-Reform als „translantische Fehlsteuerung“ rekonstruiert. Hier kam es zur zentralen Bedeutungsverschiebung von der Input- zur Outputsteuerung, mit dem Ziel der Förderung der Beschäftigungsfähigkeit durch möglichst einheitliche, qualitätsgesicherte Standards.
    Da mit der Bologna-Reform viele akademische Traditionen in ihr Gegenteil gewendet wurden, erscheint es nur logisch, wenn Lenzen im zweiten Kapitel den Säulenheilligen der deutschen Bildungsgeschichte, Wilhelm von Humboldt, heranzieht und deutlich macht, wie umfangreich die Reformbemühungen (u.a. Gründung der Berliner Universität) waren. Allerdings hielt es Humboldt nicht lange auf seinem neuen Posten und er zog sich für private sprachphilosophische Studien zurück. Damit blieb seine Reform fragmentarisch und stand bald im Kampf mit einer „kopflosen Modernisierung im Zuge der beginnenden Industrialisierung“ (S.44). Das fundamentale Prinzip „Bildung durch Wissenschaft“ und die strenge Trennung zwischen Allgemeinbildung und fachspezifischer Ausbildung wurden zunehmend ausgehöhlt. Für Lenzen sind die sozio-historischen Umstände jedoch eher von nachgeordneter Bedeutung. Stattdessen haben wir „(…) die Möglichkeit, dafür zu kämpfen, dass die Universität wieder zu einer reinen Bildungsinstitution wird, die sich der Berufsausbildung konsequent verweigert“ (S. 79)
    Im abschließenden dritten Kapitel greift der Autor diese Forderung wieder auf und präzisiert sie ein wenig in Richtung eines einjährigen Universitätskolleg, das dem Bachelorstudium vorzuschalten sei. Eine andere Möglichkeit wäre die Zeit des BA zu verlängern, um  dann parallel dazu einen „wissenschaftlich allgemeinbildenden Teil“ (S. 84) laufen zu lassen. Leicht wird dies nicht, das ist Lenzen auch klar, dennoch hält er an dem „Konzept einer nachhaltigen Wissenschaft und nachhaltigen Universität“ (S. 101) fest, wobei unklar bleibt, was genau damit gemeint ist.
    Somit hinterlässt das Buch einen ambivalenten Eindruck: Einerseits überzeugt es durch eine fundierte Analyse der Entstehung und Entwicklung des Bologna-Prozesses und einer guten Zusammenfassung des Humboldtschen Bildungsbegriffs. Wenn es dann aber daran geht, beides zusammen zu denken und es vor allem es im Hinblick auf die Digitalisierung weiter zu entwickeln, bleiben die Aussagen bei Leerformeln wie „Nachhaltigkeit“ stecken.
     

  • Open Education als digitales Panoptikum: Zu den Grenzen pädagogischer Transparenz

    (Beitrag eingereicht angenommen für die OER14 Konferenz in Berlin)
    Hier werde ich in der kommenden Zeit meinen Beitrag ausarbeiten und für den Vortrag vorbereiten. Kommentare sind stets erwünscht:)

    Abstract

    Open Education ist auf dem Weg zum Mainstream – so lässt sich durch Publikationen wie dem Whitepaper „OER für Schulen in Deutschland“, der Benchmark-Studie „Open Education in Berlin“  oder der geplanten Stellungnahme der Kultusministerkonferenz schlussfolgern.
    Bereits seit über 10 Jahren arbeiten Organisationen wie die UNESCO an der Verbreitung von OER. Begründet wird das Engagement durch den Grundsatz „Bildung ist ein Menschenrecht und der Schlüssel zu individueller und gesellschaftlicher Entwicklung“ (Butcher, Malina, & Neumann, 2013, S. 4) sowie den Möglichkeiten von OER: „Urheber von Bildungsmaterialien stellen diese unter einer offenen Lizenz zur Verfügung und ermöglichen den Nutzern damit den kostenlosen Zugang und die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weitergabe der Materialien, ohne oder mit nur geringfügigen Einschränkungen“ (ebenda). Die humanistische Perspektive (Bildung als Menschenrecht) legitimiert somit einen normativen Handlungsauftrag, der sich sowohl auf die kollektive (für das Öffnen von verkrusteten Bildungsstrukturen; „Opening up Education“) als auch auf die individuelle Ebene auswirkt (für das Teilen; „Sharing is caring“). Was auf den ersten Blick als ein vielversprechendes Projekt zum Vorteil der gesamten Menschheit erscheint, entpuppt sich bei genauerer Analyse als ambivalenter bzw. dialektischer Prozess (vgl. Horkheimer & Adorno, 1969).
    So wird beispielsweise durch das „Google-Urteil“ des Europäischen Gerichtshofs EuGH deutlich, dass es auch eine Kehrseite der Transparenz gibt, was in Bezug auf das Persönlichkeitsrecht als „Recht auf Vergessen“ diskutiert wird. Daraus folgt die Einsicht: „Informationen sind nicht neutral und Transparenz nicht kontextlos wertvoll“ (Wampfler, 2014). Denn während auf der einen Seite ein unbeschränkter Zugang zu Informationen und kulturellen Ressourcen die notwendige und hinreichende Bedingung für Bildung darstellt, ergeben sich damit auf der anderen Seite eine Reihe moralischer Implikationen (z.B. ist es gerechtfertigt, dass Lernende zur Veröffentlichung ihrer Materialien verpflichtet werden?). Wir haben es somit mit einem Spannungsfeld zwischen Öffnung und Ausgrenzung zu tun, das aus einer komplexen Machtstruktur entsteht.
    Der vorliegende Beitrag analysiert diese Machtstrukturen vor dem Hintergrund der philosophischen Positionen von (1) Michel Foucault – Disziplinargesellschaft (1994), (2) Gilles Deleuze – Kontrollgesellschaft (1993) und (3) Byung-Chul Han – Transparenzgesellschaft (2012) und diskutiert die pädagogischen Implikationen.

    Literatur

    • Deleuze, G. (1993). Unterhandlungen 1972-1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    • Foucault, M. (1994). Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    • Han, B.-C. (2012). Transparenzgesellschaft. Berlin: Matthes & Seitz.
    • Horkheimer, M., & Adorno, T. (1969). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer.

     Vorbereitung der Thesen

    Name Kontext Thesen Bedeutung für OE
    Deleuze
    Foucault
    Han

     
     
     
     
     

  • MOOCs und Open Education Week

    Zwei Veranstaltungen im März zum Thema MOOCs und Open Education, die ich kurz erwähnen möchte:
    Im Rahmen der Open Education Week 2014, veranstaltet vom OpenCourseWare Consortium, um weltweit Projekte, Initiativen und Entwicklungen rund um Open Education zu präsentieren, stellten Anja Wagner und ich unsere Open Education Reihe auf ununi.tv vor.
    [vimeo 89011909 w=500 h=329]
    Wenige Tage später war ich dann bei der CeBIT bei der Podiumsdiskussion „Future Talks“ zum Thema „MOOCs – Hype or Hope“.  Es ergab sich eine kurzweilige, spannende Debatte und das obwohl wir auf englisch diskutieren mussten (oder war es gerade deswegen?). Ich vertrat dabei die These, dass MOOCs ein komplett neues Phänomen sind und dass es gefährlich ist, sie in eine Traditionslinie (z.B. der Fernlehre oder des E-Learning) zu stecken. Man wird durch eine solche Lesart blind und tut Entwicklung als „alten Wein in neuen Schläuchen“ ab.

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    Das Podium beim Future Talks „MOOCs Hype or Hope“ (Foto: Anne Fuhrmann)

     

  • Digitale Bildung – was war und wo kann es hingehen?

    In der letzten Woche war ich für zwei Vorträge eingeladen, um über das Thema MOOCs und digitale Bildung zu sprechen.
    Für die Ringvorlesung „Medienkulturen – Medientheorien – Medienpädagogik“  nahm ich die implizite und explizite Dramaturgie von MOOCs genauer unter die Lupe:

    „Massive Open Online Courses (MOOCs) sind mit solcher Wucht auf die Bildungslandschaft eingeschlagen, dass kaum jemand daran vorbei kommt. Gerade auch die Massenmedien berichten in zunehmenden Ausmaß über die MOOCs, so dass viele neue Aktuere angezogen werden. Die Botschaft ist ja auch so einfach und überzeugend: Kostenfreie, hochwertige Bildung für alle ohne Zugangsbeschränkungen. Das klingt doch nachgerade wie die Verwirklichung eines humanistischen Traums. Ohne viel Aufwand kann nun jedermann und jedefrau sich online die Vorlesungen berühmter ProfessorInnen anschauen, bequem den Wissenszuwachs überprüfen und bekommt am Ende auch noch ein Zertifikat dafür. Klingt alles sehr überzeugend, oder? Der Vortrag wirft vor diesem Hintergrund einen Blick hinter die Kulissen und versucht die implizite Dramaturgie zu entschlüsseln. Dabei geht es dann um moralische/bildungsphilosophische Implikationen und die Frage der Chancengleichheit.“

    [slideshare id=30629835&style=border:1px solid #CCC; border-width:1px 1px 0; margin-bottom:5px; max-width: 100%;&sc=no]

    Neben der Gegenüberstellung von x- und cMOOCs und den damit verbundenen Ansprüchen, ging es mir darum aufzuzeigen, dass:

    • xMOOCs getreu dem Motto „the medium is the message“ Bildungspraxis auf eine ganz bestimmte Art vor-formattieren, die im krassen Gegensatz zur Idee der cMOOCs „Web als offener digitaler Kulturraum“ steht
    • MOOCs sich immer wieder neu „erfinden“ können und keineswegs immer von der Coursera/Udacity/Iversity-Stange kommen müssen, wie der MOOC der Universität Hildesheim zeigt.
    • MOOCs zunehmend zum Gegenstand politischer und ökonomischer Verteilungskämpfe werden. Damit verbunden ist die Gefahr, dass Bildungskonzepte zu sehr nach dem engen xMOOC Narrativ angelehnt und andere Formen digitaler Bildung vernachlässigt werden

    In der anschließenden Diskussion wurde mir klar, dass meine zum Teil polemisch ausgerichtete Kritik der xMOOCs („Aufstieg und Fall einer Bildungsutopie), dargestellt an der Person Sebastian Thrun den Blick auf Ungleichheiten und Schwachstellen der alternativen Konzepte (cMOOCs) verstellt.

    ——

    Zwei Tage später durfte ich dann den Festvortrag zur Feier „Ein Jahr Regionalzentrum Karlsruhe“ halten.

    [slideshare id=30742813&style=border:1px solid #CCC; border-width:1px 1px 0; margin-bottom:5px; max-width: 100%;&sc=no]

    Hier ging es mir um das „Bigger Picutre“ des Zusammenspiels von Technik und Bildung. Dazu behandelte ich zwei Ebenen:

    1. evolutionäre Entwicklung von Technologien, die sich als kontinuierlich, dem Fortschritts-Mantra „besser & schneller“ folgend beschreiben lässt
    2. Auftreten und Verschwinden der Argumentationsfigur „Befreiung der Bildung durch Technologien“, die sich als diskontinuierlich, mit Brüchen und Wiederaufnahmen beschreiben lässt.