Kategorie: Open Educational Resources

  • MOOCs in Deutschland – (endlich) angekommen?

    Am Ende eines Jahres, das durchzogen war vom Ankommen und Ausbreiten des MOOC-Hypes, veranstaltete die zentrale E-Learning Einrichtung der Universität Frankfurt ein Fachforum, gefolgt von einem Barcamp (in Kooperation mit der MOOC-Beratung). Eine wie ich finde wichtige Veranstaltung, um die verschiedenen Diskussionen zu bündeln und einen aktuellen Stand zu erarbeiten: Wo stehen wir in Deutschland Ende 2013 mit den MOOCS?
    Während in den USA von verschiedenen Medien (NY Times, Forbes) bereits ein Abgesang auf MOOCs stattfindet – nicht zuletzt angetrieben durch die Selbstbekenntnis von Sebastian Thrun „We have a lousy product“ – ist man in Deutschland noch in der Euphoriephase. Allerdings machte bereits der Eröffnungsvortrag von Jörn Loviscach deutlich, dass viele der großen Versprechungen (kostengünstige, qualitativ hochwertige Bildung für alle, besonders für weniger privilegierte Personen) sich nicht so recht erfüllen lassen. Schuld daran ist der sog. Matthäus-Effekt („Dem der hat, wird gegeben“), d.h. erfolgreiche Teilnahme im MOOC ist an Bedingungen und Voraussetzungen geknüpft und zwar an solche, die viele aus der Zielgruppe gar nicht haben. Ich habe diesen Punkt am Ende der Tagung nochmals aufgegriffen und mit Bourdieu theoretisch unterfüttert und hier weiter ausgeführt.
    Die Botschaft, dass MOOCs, die „einfach“ so aufgesetzt werden und dann an ein massenhaftes Publikum verteilt werden, im Sinne der klassischen One-To-Many Kommunikation, voraussetzungslos funktionieren, scheint nun angekommen zu sein. Daher ist es erfreulich zu sehen, dass Universitäten wie die Uni Mainz sich an eine Digitalisierungsstrategie machen, die neben Vorlesungsaufzeichnungen auch eine Reihe von MOOCs enthält. Denn nur dann, wenn MOOCs von Hochschulleitungen ernst genommen werden, besteht die Chance, dass sie in digitale Bildungsformen überführt werden.
    Genau das war dann Schwerpunkt der Vorträge vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und vom CHE, die ein Forum für die Digitalisierung der Hochschulbildung ankündigten (Start 2014). Das ist schon mal ein wichtiger Schritt, da er Druck aufbaut, sich mit dem Thema auf einer strategischen Ebene auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite sind mit der „Top-Down-Verordnung Digitalisierung der Hochschulbildung“ auch Gefahren verbunden. So z.B. dass man zu sehr auf bestimmte Schwerpunktthemen (Big Data, Learner Analytics) setzt und dabei den Blick auf „hybride Entwicklungen“ verliert. So kamen dann im Vortrag des CHE einige Ed-Tech Lösungen vor, z.B. Degreed die mit einer eigenen (Silicon Valley) Logik operieren. Noch ist unklar, inwieweit solche Anwendungen auf die notwendige Medienkompetenz der BenutzerInnen treffen, denn nur dann, machen diese „Lösungen“ Sinn.
    Insgesamt machte das Fachforum deutlich, dass MOOCs ein sehr vielschichtiges Phänomen sind, das sich lohnt, von verschiedenen Perspektiven (Ökonomie, Soziologie, Bildungstheorie) genauer zu betrachten. MOOCs werden sich in Zukunft deutlich weiter ausdifferenzieren (mehr als nur c und xMOOCs). Hochschulen sind aufgerufen, sich damit zu befassen, auch um dem Techno-Optimismus (Morozov lässt grüßen) ein Gegengewicht (akademische Tradition) zu bieten.
    Update
    Mittlerweile ist die Aufzeichnung meines Vortrags „The Dark Side of the MOOC“ online verfügbar.
    [youtube http://www.youtube.com/watch?v=Gk2FRlm6B10?list=PLwva6nw1BGw3tsVoyCI2NtT9VIKFh1nKB&w=560&h=315]
     
     

  • Zum Start des MOOC #iddg13: Technikgläubigkeit in der Pädagogik

    Heute geht es los mit dem MOOC zur digitalen Gesellschaft an der FernUniversität in Hagen. Thema der ersten Woche ist der sagenumwobene „Homo Zappiens“, der sich nun auch an die Hochschule verirrt hat. Was ist damit gemeint und warum sollte die Hochschule sich damit auseinandersetzen?

    Wie es für einen „ordentlichen“ MOOC üblich ist, gibt es dazu auch einen Impulsvortrag. Damit soll die Diskussion gestartet werden verbunden mit dem Aufruf zur Entwicklung von Szenarien für die Zukunft des Lehrens und Lernens. Das ist eine spannende Aufgabe, da die Zukunft irgendwie immer offener wird (Postmoderne), gleichzeitig scheint jedoch auch die Technik immer wichtiger zu werden, daher sprechen wir ja von einer „Digitalen Gesellschaft“. Gerade der letztgenannte Punkt, d.h. die zunehmende Abhängigkeit von Technik – so jedenfalls nehme ich es wahr – sollte meiner Meinung nach stärker hinterfragt werden.

    Dazu gibt es einen sehr lesenswerten Artikel von Edward C. Hamilton und Norm Friesen mit dem Titel „Online Education: A Science and Technology Studies Perspective„. Die Autoren unterscheiden darin zwei Verwendungsweisen wie Technik im pädagogischen Diskurs, besonders im Zusammenhang von „E-Learning“, verwendet wird:

    1. Essentialistische Verwendung: Technik wird als unabhängige und eigenständige „Kraft“ gesehen und steht vor der Umsetzung bestimmter pädagogischer Prinzipien. Charakteristisch ist die Annahme, dass Technik bestimmte, abstrakte Prinzipien beinhaltet, die sich bei der Implementierung in konkreten pädagogischen Settings „automatisch“ auf die beteiligten Personen übertragen. So beispielsweise „konstruktivistische Lernumgebungen“, die unabhängig von der konkreten Situation die gewünschten Ziele erreichen. Problematisch an dieser Position ist der Glaube, wonach Technik bestimmte pädagogische Werte besitzt, denn damit lässt sich Technik für alle erdenklichen Zwecke einsetzen, ohne genauer zu prüfen, ob die Voraussetzungen und Begleitumstände dafür stimmen.
    2. Instrumentelle Verwendung: Technik wird hier an bestimmte pädagogische Zwecke (Inhalte vermitteln, Wissen überprüfen etc.) gekoppelt und soll diese „umsetzen“. D.h. es wird zunächst mithilfe einer pädagogischen Theorie ein bestimmtes Ziel identifiziert und dann nach einer bestimmten technischen Lösung gesucht, wie diese zu erreichen ist. Technik wird damit instrumentalisiert, also dem pädagogischen Ziel untergeordnet und steht im Gegensatz zur ersten, essentialistischen, Position.

    Mir hat diese Unterscheidung bei der Beurteilung des aktuellen MOOC-Hypes geholfen. Man hört sehr oft von der Forderung, dass sich traditionelle Lehr- und Lernmethoden, die seit langer Zeit an der Hochschule verwendet werden, radikal ändern müssen, weil wir jetzt ganz neue technische Möglichkeiten haben. So z.B. Peter Norvig in seinem TED TALK „The 100,000-student classroom“.

    Warum eigentlich?

    Genauer betrachtet handelt es sich hier um eine essentialistische Position, d.h. es wird angenommen, Technik sei so mächtig, dass sich alles andere und damit auch die Pädagogik daran orientieren müsse. Daher „müssen“ wir ja auch dringend angestaubte Methoden wie die Vorlesung zugunsten innovativer Verfahren wie „Flipped Classroom“ abschaffen.

    Hilfreicher wäre es meiner Meinung nach jedoch, genauer zu prüfen, welche Methoden mit welcher Form der Technik am Besten umgesetzt werden könnte, ohne ungeprüft die Überlegenheit einer Komponente (Technik > Pädagogik; Pädagogik > Technik) zu unterstellen.

  • Abschlussbericht der 7.Initiative des Co:llaboraty

    Nun ist er endlich fertig geworden, der Abschlussbericht der 7.Initiative „Initiative Lernen in der digitalen Gesellschaft – offen, vernetzt, integrativ“ des Thinktanks Co:llaboratory. Als einer von 35 Expertinnen und Experten arbeitete ich seit Oktober 2012 im Bereich Open Educational Resources (OER). Unser zentrales Ziel war Aufklärung darüber zu schaffen, inwieweit das gegenwärtige Bildungssytem von OER profitieren kann. Dazu sind u.a. zwei Videos entstanden:

    • Gesprächsrunde zum Thema „Offenes Wissen mit Open Access und Open Educational Resources“ (Video und Blogposting dazu gibt es hier)
    • Gesprächsrunde zu „OER und Aufklärung“ (hier gibt es das Material)

    Schließlich half ich mit bei der Produktion eines Streitgesprächs zu Massive Open Online Courses (MOOCs): Hype oder Heilsbringer? Das Gespräch gibt es als schriftliches Interview von Hannes Klöpper und mir (Interviewerin war Kristin Narr) sowie als „richtige“ Debatte, die am letzten Montag in Berlin stattfand (moderiert von Jöran Muuß.Merholz). Bei heise.de gibt es dazu auch schon einen kleinen Bericht.
    Mir hat die Mitarbeit in der Initiative sehr viel Spaß gemacht, insbesondere auch da sich einige interessante Kontakte ergaben. Die Zusammenarbeit war sehr engagiert und man merkte, dass alle ein gutes Produkt erstellen wollten. Hier gibt es den gesamten Bericht sowie weiterführende Informationen.
    Update vom 18.04.2013
    Mittlerweile steht das Streitgespräch als Video online zur Verfügung
     
    [youtube http://www.youtube.com/watch?v=hNs_KDtnJ6M?rel=0&w=640&h=360]
     

  • Wanderer zwischen den Welten

    In meiner Arbeit zur bildungswissenschaftlichen Einordnung von Open Education (hier eine zusammenfassende Dokumentation) komme ich mir seit längerer Zeit wie ein Wanderer zwischen den Welten vor. Denn da ist zum einen die sehr euphorisch und praktisch ausgerichtete OER-Community, die ich auf Konferenzen wie OCW12 in Cambridge erlebt habe und auf der anderen Seite die arrivierte Gemeinschaft der wissenschaftlich arbeitenden PädagogInnen.
    Heute hatte ich Gelegenheit, die Gepflogenheiten der Bildungstheoretiker hautnah mitzuerleben, war ich doch als Referent auf der 7. Fachtagung der Internationalen Herbart-Gesellschaft, die den schönen Titel „Einheimische Begriffe“ und Disziplinentwicklung trug. Bereits beim Ankommen in Essen konnte ich die Reaktionen auf meinen Vortrag antizipieren, denn größtenteils befanden sich alteingesessene ProfessorInnen im Publikum (darunter z.B. der berühmte Dietrich Benner), die zum Teil von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begleitet wurden. Wie sich dann aber zeigen sollte, waren die Reaktionen etwas anders.
    Ich begann in meinem Vortrag (Folien sind weiter unten zu finden) mit einer längeren Einführung der Open Education Bewegung, um dann aufzuzeigen, mit welchen bildungstheoretischen Denkfiguren daran gearbeitet werden kann. Zum einen machte ich deutlich, dass OER komplementär zum Humboldtschen Bildungsideal stehen, da sie fundamentalen Voraussetzungen für Bildungsprozesse liefern (Recht zur unbeschränkten Nutzung, Wiederverwertung und Weitergabe). Zum wies ich darauf hin, dass es beim Navigieren durch offene, digitale und komplexe Räume (MOOCs im eigentlichen Sinn) zu Transformationen der grundlegenden Figurationen des Welt- und Selbstverhältnisses kommen kann, wie sie von Marotzki und Koller beschrieben werden.
    Leider war die zeitliche Taktung der Tagung nicht optimal und so kamen nach mir erst zwei Referenten zu Wort, die über ganz andere Themen sprachen. Für die eigentliche Diskussion war dann auch nur 10 Minuten Zeit, in der ich aber immerhin eine gute Rückmeldung bekam (was 50% Ausbeute bedeutete). Insgesamt damit eine für mich lehrreiche Erfahrung bzw. eine weitere Station auf meiner Wanderung zwischen den Welten.
    [slideshare id=17509713&w=476&h=400&sc=no]

  • What´s behind Open Education? My insights at the Open Education Week

    Open Education Week (http://www.openeducationweek.org/wp-content/themes/construct/images/downloads/865x180-oew-web-banner.jpg)
    Open Education Week (http://www.openeducationweek.org/wp-content/themes/construct/images/downloads/865×180-oew-web-banner.jpg)

    Last week, OCW initiative held the „Week of Open Education“ to discuss and showcase projects and ideas around Open Education. This topic has recently grew enormously, thanks to the MOOC hype – last week the prestigious „nature“ had devoted an article to MOOCs – which seems to blur the perception and thus the understanding of what MOOCs can do and how society might benefit from it.
    Since then, I have been skeptical about the claims that have been attributed to MOOCs, in particular when it comes to their pedagogical value. A down-to-earth analysis is hindered by the tremendous expectations which are mostly triggered by the big M, i.e. the masses that can be reached with a MOOC. This is to the detriment of the O(penness) as discussed here:

    „perhaps what we really need to think about is less of the „m“ and more of the „o“. In other words concentrate on developing and sharing open practice and resources and in turn open courses/content which meet specific institutional aims. As we all know there are many variations of open.“

    Against this background, I have hosted a webinar to provide a broader frame of Open Education. Thus, I start not with MOOCs but with a historical account of the earlier movement in the 1960 and 1970ies. Then I shift to the „birth“ of OER in 2001 and related developments such as Open Educational Practices. Having introduced this, MOOCs are better comprehensible because one can see that there was a history with certain beliefs and philosophical ideals behind. How those values have been changed during the course and what this means for the future of Open Education is also discussed in the session.
    I greatly appreciate the feedback and comments during the session and the blog posting from the The Finnish Institute in London.
    I hope you will enjoy my explorations of Open Education (record from my live presentation).
    [youtube http://www.youtube.com/watch?v=pcucoxLpg84&w=420&h=315]