so der Titel des Vortrags, zu dem ich für die Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudien nach Hannover eingeladen wurde.

Mit meinem Vortrag (Aufzeichnung, Slides, Manuskript) wollte ich den Fehlschluss problematisieren, bei der die sog. vierte Revolution der Menschheit für Arbeit und Industrie auf Bildung übertragbar ist. Als Bildungswissenschaftler ist mir wichtig, Bildung als eigenständige Disziplin mit langer Tradition deutlich zu machen. Es gibt eine Eigenlogik bei Bildung, die bei Innovationsversuchen („Bildung 4.0“) zu berücksichtigen ist. Stattdessen wird Bildung instrumentalisiert und kolonialisiert von Ingenieurkunst, Technik und IT, so wir kürzlich in der FAZ, als HPI-Direktor Meinel Humboldt sogar zum Fan der Bildungscloud machte. Das ist eine reine Zuschreibung, die sich nicht begründen lässt.
Demgegenüber stelle ich eine bildungsphilosophisch ausgerichtete Perspektive, mit der die gängigen Annahmen der „digitalen Bildung“ kritisch diskutiert werden können.
Kategorie: Bildung
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Warum wir für Arbeit 4.0 nicht Bildung 4.0 brauchen
Leibnizhaus Hannover (Foto von Markus Deimann, CC-BY) -

Der Geist der (disruptiven) Innovation
Der Forschungsgipfel 2017, ausgerichtet vom Stifterverband, der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), stand unter dem Motto “Aufbau einer neuen Innovations- und Wagniskultur” und arbeitete sich eher klassisch in Form von Keynotes, Blitzlichtern und Inner Circle Diskussionsrunden am Thema ab. Die Foren waren hochkarätig besetzt mit Vertreter/innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft (u.a. BM Altmaier) und boten dank einer engagierten Moderation einen vielfältigen Einblick in die aktuelle Diskussion.
Bereits zu Beginn waberte der Geist der disruptiven Innovation durchs Allianz Forum, der dann im weiteren Verlauf immer wieder beschworen und angerufen wurde. Es blieb aber eher diffus gespenstisch, ohne klar herauszuarbeiten, was mit “disruptiver Innovation” genau gemeint ist. Wo kommt der Begriff her und warum soll sich damit ein Forschungsgipfel beschäftigen? Das waren Fragen, die zu Beginn diskutiert werden sollten, um von dort aus eine systematische Debatte führen zu können.
Stattdessen wurde eher affirmativ denn aufklärerisch argumentiert und eine hohe Schlagzahl vorgegeben. Es braucht nichts weniger als eine radikale Innovation, um den Anschluss an andere Märkte (USA, Asien) nicht zu verpassen. Die Politik ist damit aufgefordert, geeignete Rahmenbedingungen für mehr Innovation und Unternehmertum (sog. Entrepreneurship) in Deutschland zu schaffen. Als ikonisches Leitild dient das Silicon Valley mit seiner ausgeprägten Start-up-Kultur, da sie durch ihre konsequent auf Innovation ausgerichtete Mentalität überkommene Strukturen und Konventionen durchbrechen und den Weg frei für völlig neue Geschäftsmodelle machen können.
Damit war die Marschroute für den Tag vorgegeben, der Blick ging nach vorne und suchte in den verschiedenen Panels nach Treibstoff für die Transformation. Die Anschlussfähigkeit der Diskussion, sowohl für den äußeren Kreis (der im Verlaufe des Tages leider nicht zu Wort kommen durfte) sowie für die interessierte Öffentlichkeit, könnte erhöht werden, indem man an folgenden Punkten arbeitet:
- Breite, partizipative Verständigung über die Ziele und die Art, wie digitale Transformation gestaltet werden kann. Die gegenwärtige Diskussion ist bestimmt von Vordenker/innen wie Peter Thiel oder Elon Musk, die aufgrund ihrer finanziellen und organisatorischen Ressourcen eine privilegierte Stellung haben und dadurch von den Medien als eine Art personifizierte Regierungssprecher der Technik gemacht werden. Dadurch haben es andere Akteur/innen schwer, sich in die Debatte einzumischen. Dies ist jedoch wichtig, da die sog. digitale Transformation – wie immer wieder betont wird – die gesamte Gesellschaft tangiert.
- Mut zur Gelassenheit. Der selbstauferlegte Druck zur (radikalen) Veränderung von fast allen Konventionen ist mittlerweile immens geworden und kann zu einer hektischen Betriebsamkeit führen. So schrieb etwa Paul Krugman letztes Jahr in der New York Times: “So what do I think is going on with technology? The answer is that I don’t know — but neither does anyone else. Maybe my friends at Google are right, and Big Data will soon transform everything. Maybe 3-D printing will bring the information revolution into the material world. Or maybe we’re on track for another big meh. What I’m pretty sure about, however, is that we ought to scale back the hype.” Es geht dabei nicht darum, technologische Innovationen zu ignorieren oder per se abzulehnen, sondern ihnen mit einer reflektierteren Haltung entgegenzutreten, die sich auch der eigenen kulturellen Wurzeln bewusst ist.
- Den Blick zurück werfen. Die aktuelle Fokussierung auf das Silicon Valley als Tempel der Innovation verstellt den Blick auf die Entstehungsgeschichte. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, wie und warum es zu bestimmten Entwicklungen gekommen ist, insbesondere um Alternativen dazu entwerfen zu können. Für das Silicon Valley mit ihrem Glaube an technische Lösungen für (zum Teil noch gar nicht bekannte) Probleme (Solutionismus) ist dies als Kalifornische Ideologie identifiziert worden. Im Fall des Buzzwords “disruptive Innovation” ist der Artikel im New Yorker “The Disruption Machine” empfehlenswert, da er aufzeigt, wie inflationär inzwischen mit dem Begriff gearbeitet wird. So wird versucht argumentative Bezüge herzustellen, die so keineswegs in der Ursprungsidee enthalten sind.
Somit bleibt für mich ein eher gemischter Eindruck. Einerseits boten die Panels gute Einblicke in die verschiedenen Aktivitäten, Innovation kulturell und institutionell zu fördern. Dem steht auf der anderen Seite ein Mangel an Partizipation gegenüber, da die “Inner Circles” keine “strukturelle Kopplung” mit der Außenwelt hatten. -
Im akademischen Olymp
Nach über 15 Jahren (meinen ersten Vertrag als wiss. Mitarbeiter bekam ich am 01.11.2001 an der TU Ilmenau) Dienst in und an der Wissenschaft, bin ich seit kurzem im akademischen Olymp angekommen. Anfang März fand die letzte Etappe meines Habilitationsverfahrens an der FernUniversität in Hagen statt und ich wurde eingeladen zum (Probe-)Vortrag
Bildungswissenschaft als Medienbildungswissenschaft für die Netzwerkgesellschaft
Slides
Manuskript
Zuvor musste ich die Hürde der schriftlichen Leistung nehmen und habe dazu die ausführliche und grundlegende Abhandlung „Open Education. Gegenstand. Theorie. Diskurs“ verfasst. Die Vorbereitung zur Veröffentlichung in einem Verlag laufen gerade und ich hoffe, bald alles Organisatorische geklärt zu haben.
Da ich beim offiziellen Akt – die Habilitationskommission schlägt dem Fakultätsrat vor, mich zu habilitieren – nicht dabei sein konnte, fand heute eine kleine Feierstunde mit Übergabe der Urkunde statt.

Zufrieden und voller Tatendrang für die kommenden Aufgaben und Projekte geht diese Etappe für mich zu Ende.
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pMOOCs ein (un)mögliches (Hochschul-)Format?
Für das Arbeitstreffen des Netzwerks „Offene Hochschule“ am 5. und 6. Dezember in Weimar boten Kerstin Liesegang, Chrisitan Vogel und ich diesen Workshop an.
Nach einer kurzen Abfrage, was die TN unter MOOCs verstehen, führte ich in das Konzept der p(rofessional) MOOCs ein, das wir an der FH Lübeck umsetzen. Auf der MOOC-Plattform mooin findet sich dazu u.a. der Kurs „Mathe endlich verstehen„. Die pMOOCs verstehen sich als Instrument zur Förderung durchlässigen berufsbegleitenden Studierens, d.h. berufliche und akademisch Bildung sollen einander näher gebracht werden.
Im Workshop stellen wir dann das Konzept des Kaiserslauterer Open Online Course (KLOOC) zum Thema „Nachhaltige Entwicklung“ vor und das diesbezügliche Evaluationsdesign (PDF).
In der anschließenden Diskussion ging es um weitere mögliche Einsatzszenarien von MOOCs, etwa im Zusammenhang mit der Öffnung von Hochschule.
Eine ausführliche Workshopdokumentation findet sich in diesem PDF. doku_moocs_liesegang-deimann-vogel-002 -

Gegen die Wand – zu Besuch bei future iii in Offenburg
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Für die Eilligen: Ich war zu Gast bei „Jöran ruft an“ und habe in ca. 5 Minuten erzählt, was mir in Offenburg passiert ist.
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Das letzte Wochenende war einigermaßen aufreibend für mich, denn ich war zu Gast bei der Gesellschaft für Bildung und Wissen, die zur Fachtagung future iii (Beispiel Schule und Unterricht) nach Offenburg geladen hatte. Dass ich dort präsentieren durfte, hat eine längere Vorgeschichte.
Ich war genau vor einem Jahr schon bei einer future iii Tagung – damals zum Thema Digitalisierung und Hochschule – und nachhaltig erschüttert darüber, mit welcher negativen Grundhaltung dort vorgetragen und diskutiert wurde. Mit dem Organisator Ralf Lankau suchte ich das Gespräch, um dieser geballten Wucht an Abwehr-Rhetorik etwas Positives entgegen zu setzen. Wir blieben lose im Kontakt und vor einigen Monaten fragte er dann an, ob ich dieses Jahr bei future iii vortragen möchte. Ich nahm das gerne an und plante insgeheim schon eine subversive Aktion.
Diese begann damit, dass ich meinen Vortragstitel möglichst langweilig wählte, um ja keinen frühzeitigen Verdacht an meinen wahren Absichten aufkommen zu lassen. Der Titel war also der Trojaner, damit ich ins Programm komme. Als ob das nicht schon bedenklich genug ist, setzte ich noch einen drauf und startete vor einem Monat eine Call for Participation. Ich wollte nicht nur positive Beispiele der Digitalisierung für die Bildung aufzeigen, sondern auch demonstrieren, dass man sehr wohl im Netz kollaborativ arbeiten kann. Dazu stellte ich meine Google Slides offen ins Netz und bat alle Interessierten, sich dort kreativ auszutoben. Das wurde auch sehr gut angenommen – Danke dafür an alle Beteiligten! – und ich hatte viel Material zum präsentieren.
Die Veranstaltung begann am Samstag nach den obligatorischen Grußworten mit einem Grundsatzvortrag „Das Lehrer-Schüler-Verhältnis als pädagogische Grundrelation“ von Jürgen Rekus vom KIT. Er leitet dort die Abteilung für Allgemeine Pädagogik und beschäftigt sich somit mit ganz grundsätzlichen Fragen der Pädagogik, was man der umfangreichen Vortrags- und Publikationsliste entnehmen kann. Wenn man jetzt annehmen würde, dass die Digitalisierung mittlerweile auch ein grundsätzliches Thema geworden ist, wurde man enttäuscht. Rekus gab den Oberlehrer und tat alles Digitale mit einer Mischung aus Ignoranz und Arroganz ab (als Randnotiz: Er sprach konsequent von MOKs, und nicht von MOOCs, wobei es ja auch nicht LOP, sondern LOOP heißt).
Für mich ist diese Elfenbeinturm-Einstellung sehr bedenklich für die Bildungswissenschaft (zu der ich ja auch gehöre), aber das ist ein anderes Thema:=) Rekus stellte mit seinem Vortrag die Weichen sehr eindeutig in Richtung der radikalen Anti-Digtalstimmung, die sich über den gesamten Tag zog. Dementsprechend kamen mir auch (leise) Zweifel, was mich später (mein Vortrag war im letzten Block ab 15 Uhr angesetzt), erwarten wird. Meine Vorahnungen sollten noch übertroffen werden.
Es ging erstmal weiter mit Abwehrthemen, wie der Mediensucht und einem Programm zur Medienprävention. Das sind auf jeden Fall wichtige und unterstützenswerte Themen. Meine Kritik geht auch gar nicht gegen diese oder andere Projekte, sondern gegen die Art, wie diese für die Tagung future iii instrumentalisiert wurden. Das Netz wird als Popanz des Bösen aufgebaut, vor dem wir die Kinder unbedingt zu schützen haben.
Irgendwann war ich dann an der Reihe und es sollte ein denkwürdiges Ereignis werden. Doch der Reihe nach. Ich ließ die Hosen runter und offenbarte meinen Trojaner, dass ich über etwas völlig anderes reden würde, was angekündigt wurde. Das kam auch zu Beginn gut an und ich hatte die Lacher auf meiner Seite. Doch spätestens als ich zur Kritik an Manfred Spitzer ausholte, kippte die gute Stimmung. Ich hatte es nämlich gewagt, den Säulenheiligen öffentlich zu kritisieren. Dass es mir (wieder) nicht ausschließlich um die Inhalte, sondern um die Art, wie Spitzer sein Narrativ „digitale Demenz“ aufbaut, ging, wurde verdrängt. Mein anderer Angriffspunkt war Jörg Dräger mit seinem Narrativ „digitale Bildungsrevolution“. Hier gab es bezeichnenderweise überhaupt keine Kritik an meiner Kritik.
Nach dem Ende der Session (mit weiteren Vorträgen von Jörn Loviscach und Ralf Lankau) kam es dann zur Frage-und-Antwort-Runde, die in meinem Fall eher einem Tribunal glich. Es wurde eine regelrechte Inquisition zu meiner Person (meinen Werten und meinem Standpunkt) veranstaltet, die mich an meine Anhörung zur Kriegsdienstverweigerung bei der Bundeswehr erinnerte. Mir wurde im Verlauf des Verhörs auch vorgeworfen, mich mit dem militärisch-industriellen-Komplex bzw. der Bertelsmann Stiftung gemein zu machen. Spätestens hier fiel ich vom Glauben ab, da ich in meinem Vortrag detailliert meine Auseinandersetzung mit eben dieser Stiftung im Rahmen meines Artikels „Die erfundene Revolution“ ausführte.
Hört man mir also nicht zu? Nein, ich denke, dass einige Teilnehmer/innen meine Haltung des offenen Umgangs mit der Digitalisierung gepaart mit einer großen Portion Kritik nicht verarbeiten können. Es passt nicht ins Weltbild des bösen, überwachungsgeilen, manipulativen Internets. Wenn ich dann Projekte wie den MOOC „Aussprachetraining für syrische Deutschlerner“ vorstelle oder auf die Philosophie von OER eingehe, gibt es dafür keine Kategorien. D.h. es ist anscheinend nicht möglich, dies als etwas Positives zu verbuchen, weil dadurch das eigene Weltbild in Frage gestellt werden müsste. In der Psychologie nennt man das übrigens kognitive Dissonanz.
Auch mein Schlusswort „Sapere aude!“ konnte so nicht seine Wirkung entfalten und es blieb für mich ein durchwachsener Eindruck der Tagung. So fand ich es gut, dass sich die GBW dem Diskurs überhaupt stellt. Weniger gut finde ich, dass oft sehr persönlich und nicht sachlich diskutiert wurde. Dennoch wurde mir durch vereinzelte Wortbeiträge deutlich, dass ich mit meiner Kritik am Diskurs „digitale Bildung“ – es dominieren die lauten Spitzers und Drägers und nicht die vielen kleinen, tollen Medienprojekte – doch nicht so ganz falsch lag.